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Zeit für einen neuen Anfang

Die Main-Post schreibt:
(13.5.15)

Kabarettist und Puppenspieler Josef Pretterer war mit seinem Stück "Herzversagen" im Hammelburger Bocksbeutelkeller.

Das scheinbare "Ende" bereits am Anfang: Mondgesichtig und mit spitzen Zähnen, so tritt die Todesangst in Erscheinung. Die von ihrer pausenlosen Arbeit und durch den Druck ihres Chefs ermüdete Todesangst klagt dem Hammelburger Publikum ihr Leid: Zu viele terroristische Anschläge, zu viel Chaos auf der Autobahn, sie kommt ihrer Arbeit kaum hinterher und träumt von einer neuen Karriere als Lebensberaterin auf einer Beautyfarm. Und dann teilt der Chef in diesem Moment noch mit, dass das tägliche Soll heute noch nicht erfüllt sei.

Grotesk und makaber

Die Zuschauer hatten sich zur Maiveranstaltung des Kulturbunts e. V. im Hammelburger Bocksbeutelkeller versammelt und sahen grotesk-makabren Stunden entgegen. Stunden, die trotz oder grade wegen der direkten und schonungslosen Ehrlichkeit der Dialoge des Kabarettisten und Puppenspielers Josef Pretterer wie im Fluge vergingen.
Die Szene wechselt - und da liegt es in schmuddeliger Bettwäsche: Das alte Ehepaar Nagg und Nell. Die beiden lassen ihr Leben Stück für Stück Revue passieren. Wie viele unausgedrückte Gefühle, wie viel Unausgesprochenes sich im Laufe eines Menschenlebens ansammelt, zeigt Pretterer auf erschreckende Weise auf.(...)

Keine Chance verpassen
"Nachtschwester, wo bleibt mein Zwieback?", brüllt Nagg seiner selig schlummernden Gattin ins Ohr, zerfressen von Neid über ihre Fähigkeit, schlafen zu können. Er selbst, wundgelegen, traum-, schlaf- und illusionslos und seit sieben Jahren auf der Pflegestation, harrt des Todes. Nell ist ihres unerfüllten Lebens müde geworden und will nur noch schlafen, ihrem Mann mitteilen, was ihr im Leben alles unerfüllt blieb oder ihren romantisch verklärten Erinnerungen nachhängen.
Pflegestationen bei Nacht und die dazugehörigen Monologe und Dialoge kennt Josef Pretterer gut. In seiner Studienzeit arbeitete er als Nachtaufsicht in einer solchen, seither begleitet ihn das Thema der verpassten Chancen. "Mir war seit dieser Zeit klar, dass ich keine Chance in meinem Leben verpassen wollte", so Pretterer mit Nachdruck. Die zu Pflegenden erzählten sie ihm: Zu viele Geschichten über unerfüllte Träume, nicht real gewordene Möglichkeiten, zu viel "ungelebtes Leben".
Er scheint mit seinen von ihm selbst kreierten, teils lebensgroßen Handpuppen zu verschmelzen, seiner Botschaft durch sie Gehör zu verschaffen. Gebannt, gespannt und an vielen Stellen lachend und betroffen raunend verfolgt das Publikum der Rückschau des alten Paares.
(...)

Meister der Dialektik

Pretterer ist ein Meister der Dialekte und der Dialektik. Von Bayrisch über Kölsch bis hin zu Plattdeutsch, Dialoge voller Wahrheit zwischen Leben und Tod. Er hat eine Gabe, den menschlichen Bedürfnissen - dem Schein und Sein - mittels seiner selbstgestalteten Puppen Ausdruck zu verleihen... Nicht harmlos, sondern fast schamlos direkt.
So viele verpasste Chancen und die Endlichkeit des eigenen Lebens vor Augen und dennoch: Dem Untertitel "Ein Stück Leben" Rechnung tragend, erkennen Nagg und Nell am Ende, dass es jetzt Zeit ist - Zeit für einen neuen und liebevollen Anfang. "Nutzt eure Chancen!", schließt Pretterer selbst diesen spannenden, nachdenklich machenden Kabarettabend mit Tiefgang.
Das begeisterte Publikum dankte dem sympathischen und fähigen Kabarettisten für dessen lebensbejahende Erkenntnisse mit lang anhaltendem, begeistertem Applaus.

Von Jacqueline Mihm



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