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Listiger Gnom und Meister der Sprache

Main-Post vom 25.10.11

Foto Charlotte WahlerViel Gelächter und Nachdenklichkeit beim Kulturbunt-Abend mit Sigi Zimmerschied

(chw) Er ist eigentlich unbeschreiblich. Wie er den bayerischen Dialekt in eine Ursuppe verwandelt und daraus Melodien schöpft, die sogar ein Franke verstehen kann, ist einzigartig – Sigi Zimmerschied, der mehr ist als ein Kabarettist, stürzte seine Zuhörer ins Gelächter und in die Nachdenklichkeit.

Rund 100 Gäste von Kulturbunt waren in die Aula des Gymnasiums gekommen, um den alten Meister des bayerischen Kabaretts zu hören. Wie bei einer Lesung saß Zimmerschied vorne im Licht, der Saal im Dunkeln. Ohne groß Faxen zu machen, nur mit seiner unglaublichen Mimik und Gestik, ließ er die unterschiedlichsten Figuren vor dem inneren Auge entstehen.

 

Zimmerschied ist aber nicht nur ein Meister des Augenverdrehens und Augenherausrollens, ein Meister des Grimassierens und ein listiger Gnom des Gesteneinsatzes. Er ist auch ein deftiger Meister der Sprache. Wie er erzählt, dass einer sich sorgt, die Genoveva könnte vielleicht ein Migrantenflitscherl sein, dass am Stammtisch einer die Wurstscheiben im Salat zählt und über vergangene bessere Zeiten jammert, wie Kriminalkommissar Zitzelsberger seine Wohnung als Übungsraum benutzt, um die Souveränität des deutschen Herrn zu trainieren, wie er den sexuellen Notstand dreier Bauern schildert – das alles ist vielschichtig und auf hohem Niveau.

Da fügt er wie nebenbei den Satz zwischen zwei Passagen: „Es ist leichter, Inkompetenz zu dulden, als das Bewusstsein zu kontrollieren“, und dieser setzt wie ein Wurm die alltäglichen Denkmuster außer Kraft. Er kann auch auf schaurig, wenn er den Ruf nach Bildung als hohle Phrase entlarvt, denn die meisten Massenmörder hätten Abitur gehabt, sagt er, und das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

Welche Bildung? Bildung wofür? Am Ende geht der geplagte Mensch zum Psychiater und auch Zimmerschied führt seine Zuhörer, die vielleicht unter der Gutmenschenpsychose leiden, in eine Peepshow der klinischen Befindlichkeiten. „Wissen Sie, dass es nirgends so viel Kabarett gibt wie in Deutschland und Österreich?“, fragt Zimmerschied und verweist auf den Mechanismus der Triebabfuhr, da soll sich der Kabarettist mal schön empören, die Zuschauer sind anschließend zufrieden, so, jetzt ist alles Kritische mal wieder gesagt worden und lachen haben wir auch können. So funktioniert es bei Zimmerschied aber nicht. Weil er sich verausgabt, sind wir auch aufgefordert, weil er genau hinschaut, sind wir auch dazu aufgefordert. Und weil er ein Sprachkünstler ist, der das Bayerische und das Hochdeutsche so wunderbar benutzt für seine Balance auf den Fallstricken des emotionalen Parketts, macht der Sigi-Zimmerschied-Abend aber auch ein großes Vergnügen.

Charlotte Wahler



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