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Poetry Slam

Main-Post vom 21.3.11

Der Zweitplatzierte beim ersten Hammelburger Poetry Slam: Hanz aus Stuttgart. Foto: Angelika SilberbachSeifenphrasenblasen
Neun Slammer präsentierten sich beim Dichterwettstreit in Hammelburg

Poetry Slam ist jung, schnell und kurzweilig, ist aktuelle Literatur am Puls der Zeit. Beim Dichterwettstreit auf Einladung von Kulturbunt präsentierte die Organisation „klangpanorama" neun Slammer und eine Sängerin in der Aula des Frobenius-Gymnasiums. Richter über die Dichter war das Publikum.

Der Großteil der rund 120 Gäste war erstmalig auf einem Poetry Slam, hatte noch nie einen One-Night-Stand – wenn man der Spontanumfrage von Liedermacherin Cathérine de la Roche glauben mag – und war auch noch niemals sturzbetrunken.

Schnoddrig und locker moderierten Nico Roßmann und Felix Römer den Abend und klärten auf: Der Poetry Slam, neudeutsch übersetzt mit Dichterschlacht, kommt aus der alternativen Szene. 1986 fand der erste in Chicago statt und breitete sich rasend schnell weltweit aus. Jede Autorin, jeder Autor hat fünf Minuten Zeit vor dem Mikro. Überschreiten sie das Zeitlimit, beginnt ganz leise eine Musik zu spielen, die immer lauter wird. Erlaubt sind alle Textarten, von Epik bis Prosa und Drama bis zu Gedichten. Nur gesungen werden darf nicht, weshalb die zwei erfrischenden Auftritte von de la Roche außer Konkurrenz liefen.

Der unterhaltsame Wettstreit in drei Akten (Erster Akt alle neun Slammer, zweiter vier, letzter zwei) zog sich über knapp vier Stunden hin. Nur die Pausen zwischen den Akten hatten Längen. Die Teilnehmer, vier Frauen und fünf Männer, haben alle schon mal einen Sieg errungen. Sie sitzen auf einer altrosafarbenen Couch auf der Bühne, alle gemeinsam, bis zum Schluss.

Die sich mehrende Getränkebatterie vor der Couch spiegelt die unterschiedlichen Charaktere der Slammer wider: Cola, Wasser, Apfelsaft, Bier, Weiß- und Rotwein. Den Anfang macht Michael Jakob, seit 2002 in der Szene zuhause. Er wird es ins Viertelfinale schaffen, mit der Version vom „Struwwelpeter 2.0", in der der Suppenkasper zur Bulimie-Heidi mutiert, und der „Geschichte vom Fast Food Hannes". Ebenso die Germanistikstudentin Clara Nielsen, die 2007 debütierte, mit einem unvorhersehbar „Lebenslauf oder wie das Leben eben so läuft". Auch der Stuttgarter Hanz, der rein optisch in seinem „Kommunionanzug" aus dem Rahmen fällt, schafft mühelos den Sprung mit seinem irrwitzigen Klimawandelappell, um Pinguine als Haustiere halten zu können.

Die 16-jährige Marilisa aus Werneck dichtet seit zwei Jahren und ist öfter im Schweinfurter Stadtbahnhof zu hören. Sie scheidet in der ersten Runde mit der eindringlichen Beziehungsprosa „Ich bau uns eine Festung, du baust uns ein Fenster" aus.

Auf der Strecke bleiben auch Jazzkeks, die Berufstexterin, die mit „Falschen Helden aus der Kindheit" aufräumt, und die nervös wirkende Sozialarbeiterin Kaddi Cutz mit „Des Wahnsinns fette Beute". Dagegen gibt es drei Viertplatzierte im ersten Durchgang: Bleu Broode, der seine Wut über einstige Freunde im Slamtext auslebt. Schriftstehler, der sich auf den Weg macht, um mit Gott einmal Tacheles zu reden und dabei dem Teufel höchstpersönlich in die Arme läuft. Und Julian Heun, der mit Berliner Schnauze vergeblich einen App für Liebeslyrik auf dem I-Phone sucht, und überraschend erklärt, „Warum ich keine Liebeslyrik schreibe, Baby".

Es ist der Lockenkopf Julian Heun, den das Publikum zuerst ins Viertelfinale klatscht und pfeift, dann per Stimmzettel für sein lautmalerisches „Seifenphrasenblasen" ins Halbfinale wählt, und schließlich trampelnd und laut klatschend zum Sieger kürt. Erfolgsgarant war sein aberwitziger Text, in dem er neue Wörter erfindet, wie „Frigizität", und in dem er Dialekte mischend philosophiert, über die „Wahrheit, die auf der Straße liegt".

Immerhin eine LED-Leuchte gewann sein Halbfinalgegner Hanz mit dem Text über das Sterben einer Beziehung. Aber es schien den Slammern gar nicht wichtig, wer gewinnt. Es zählte das Zusammensein, denn schließlich hat jeder von ihnen schon mehrmals einen Poetry-Slam-Wettbewerb gewonnen.

Angelika Silberbach



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