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Kabarettist Claus von Wagner

Main-Post vom 29.11.2010

(Foto Waher)Wenn da nicht das Lachen wäre

Atemberaubende Vorstellung des Kabarettisten Claus von Wagner

Claus von Wagner kommt durch die Mittelreihe in den ausverkauften Pfarrsaal, plaudernd begrüßt er sein Publikum, er erzählt als gebürtiger Hannoveraner von seiner süddeutschen Kindheit, er erklärt den Unterschied zwischen Gäste- und Fremdenzimmer und er reißt von der ersten Minute die 200 Zuhörer mit: durch ein atemberaubendes Bühnenstück, dem die Bezeichnung Kabarettabend fast nicht gerecht wird.

In seinem Ein-Mann-Theaterstück „Drei Sekunden Gegenwart" spielt Wagner sich die Seele aus dem Leib, so dass einem schwindlig werden könnte, angesichts der menschlichen Leidenschaften, Abgründe und Irrwege, wenn da nicht das Lachen wäre. Mit unnachahmlicher Komik sowohl in den Gesten als auch in seinen Sprachspielen bringt er seine Zuschauer nicht mehr aus dem Lachen heraus. Auch wenn es gerne manchmal im Hals steckenbleiben möchte.

Er schreitet das Bühnentreppchen hoch wie Harald Juhnke eine Showtreppe hinauftänzelte, um sich dort zu verwandeln in Joachim Wagner, den 33-jährigen Anwaltssohn und Trennungsopfer. Auf dem Speicher seiner Eltern rekapituliert er sein Leben. Er möchte gerne seine Tochter Carla sehen und schildert den Kampf um sein Umgangsrecht.
Der Kampf mit dem Jugendamt

Wie das schon heißt! Bei den heutigen Scheidungsraten seien Hochzeitsgäste eher Katastrophentouristen, meint er und schildert seinen Windmühlenkampf mit dem Jugendamt so, dass man am Ende gerne mit ihm die Nummernautomaten abfackeln möchte.

Rührend ist es mitanzusehen, wie er für seine Tochter kleine Filmchen aufnimmt, um ihr per youtube die Welt zu erklären. Er warnt sie vor all den Volksvertretern, die ihr Volk genauso verkaufen wollen wie die Staubsaugervertreter ihre Staubsauger. Er führt den logischen Schluss vor, dass die, die sich den Zwängen der kapitalistischen Lebensweise anpassen, am Ende irre werden müssen. Und am Ende schreit die Haftpflichtversicherung: Zahlen wir nicht!

Drei Sekunden Gegenwart, das ist die Wahrnehmungsspanne, die zwischen Vergangenheit und Zukunft liegt, jene drei Sekunden, auf die sich heutzutage das Bewusstsein verkürzt hat, meint Wagner, und in die nur noch platte Parolen passen. Besonders deutlich zeigt sich das an Politikersprüchen: Wählt mich! Oder: Zukunft gestalten! Oder in Bayern: Ha! Wos? Naa!

Am chamäleonartigen Wesen Horst Seehofers erklärt Wagner die Heisenbergsche Unschärferelation, er parodiert nicht nur gekonnt die unterschiedlichsten Politikerfiguren, er entblößt auch ihre Handlungsmotivation, so dass man sich fragt: Ist das jetzt wirklich wahr? Wagner fragt sich mit zunehmender Fassungslosigkeit, wie die Politik in ihren Drei-Sekunden-Schritten zum Beispiel den Klimawandel erfassen will, der ein Denken in Jahrhunderten voraussetzt.

Er berichtet aus der Zeit, als für uns der Dax noch ein Waldbewohner war, er fragt, wie Banker es schaffen, vor dem Schalter ihre Kugelschreiber anzubinden und dahinter ihr – unser – Geld zu verlieren, er erklärt die kapitalistische Zinspolitik, in der der Teufel immer auf den größten Haufen scheißt, sowohl auf den Schulden- als auch auf den Gewinnberg.

Es ist schier unbeschreiblich, wie Claus von Wagner diese drei Sekunden Wahrnehmungsfähigkeit ausdehnt zu einer Gegenwart, in der sich der Wahnwitz der Gesellschaftsstrukturen klar erkennbar zeigt. Er hetzt das eher gemütliche Frankenweinpublikum auf eine Wahrnehmungsgeschwindigkeit, die in den Großstädten der Welt bereits normales Alltagstempo ist und nur mit der Einnahme von zahllosen Tassen Kaffee erreichbar ist. Nach dem siebten Espresso hat man eben das Gefühl, mit dem Leben schneller fertig zu werden.

Bloß wofür? Nachdenklich geht das Publikum nach Hause.

Charlotte Wahler



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