Home Presse Daumenkino mit Volker Gerling

Daumenkino mit Volker Gerling

Main-Post Artikel vom 26.1.2010

Daumenkino: Volker Gerling lässt beim schnellen Blättern bewegte Bilder entstehen.  Foto: WahlerWie Bilder das Laufen lernen
Volker Gerling zeigte perfektes Daumenkino

Volker Gerling macht aus Daumenkino einen Abend der großen Bilder. Indem er vor der Übertragungskamera seine Büchlein durchblättert, entstehen auf der großen Leinwand auf der Bühne bewegte Bilder, die dem Menschen so nahe kommen, wie es ein richtiger Kinofilm kaum vermag.

Volker Gerling macht aus Daumenkino einen Abend der großen Bilder. Indem er vor der Übertragungskamera seine Büchlein durchblättert, entstehen auf der großen Leinwand auf der Bühne bewegte Bilder, die dem Menschen so nahe kommen, wie es ein richtiger Kinofilm kaum vermag.

Der Kameramann aus Berlin nennt sich Daumenkinograph. Er fotografiert in zwölf Sekunden mit 36 Bildern die unterschiedlichsten Menschen. Weil diese nicht auf die Vielzahl der Klicks vorbereitet sind, zeigen sie Überraschung, Heiterkeit und Authentizität. Dabei tritt Gerling den Menschen vor der Kamera nie zu nahe, sondern gibt ihnen den Raum für ihre Persönlichkeit.

Mit dem Bauchladen unterwegs

Der Künstler zieht seit sieben Jahren mit Rucksack, Zelt und Bauchladen durch die Bundesrepublik und zeigt seine Büchlein, die beim schnellen Durchblättern einen Film ablaufen lassen. „Besuchen Sie meine Wanderausstellung“, steht auf dem Schild am Bauchladen und der Eintritt ist frei, für den Austritt bezahlen die Besucher freiwillig. Von diesem Geld finanziert er seine Wanderungen, von denen er auf der Bühne erzählt.

Rund 3000 Kilometer hat Gerling in den neun Monaten zurückgelegt. Inzwischen ist aus seinen Bildern ein abendfüllendes Programm entstanden, mit dem er große Säle füllt.

Das erste Daumenkino entstand bei einem Ausnüchterungsspaziergang an einem Neujahrstag. Dann fotografierte er auch Gebäude wie Plattenbausiedlungen und den Berliner Dom. Gerlings Stärke liegt aber in den Fotos von Menschen. Eine Frau neben einer Kerze, deren sieben Stunden Brenndauer zusammengefasst ist auf ein paar Sekunden. Ein alter Mann mit Baseballmütze, dessen Augen anfangen zu strahlen. Der Junge am Kanal, der Mann mit Krawatte, das langhaarige Mädchen, Freunde auf der Straße. Die Familie im Garten wird ebenso lebendig wie die junge Frau an der Bar.

Nur 50 Zuschauer

Gerling spielt mit unterschiedlichen Zeitebenen, verweist auf die Lücken zwischen den Bildern, die für die Wahrnehmung eine so große Rolle spielen. Er verlangsamt den Umgang mit den Bildern und verschärft so die Wahrnehmung.

„Das Gehen ist die Aneignung von Raum und Zeit, das Fahren und Fliegen eine Flucht daraus“, sagt er und zitiert einen berühmten Philosophen: „Das was man sieht, kommt von dem, was man nicht sieht.“

Dass in Hammelburg nur rund 50 Menschen zu der von Kulturbunt organisierten Veranstaltung kamen, mag der Sperrigkeit seines Mediums geschuldet sein – Daumenkino, was kann man sich denn darunter vorstellen? Diejenigen, die dort waren, werden wahrscheinlich mit Händen und Füßen versuchen, ein Phänomen zu erklären, für das Worte unzureichend sind, weil es der freundlich liebende Blick am besten erfasst.

(chw)

 



Newsletter abonnieren

Tragen Sie sich in unseren Newsletter ein um immer über aktuelle Veranstaltungen informiert zu werden