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Kabarett mit Ingo Börchers

Main-Post vom 28.9.09

HAMMELBURG
Wenn sich am Himmel ein Popup-Fenster öffnet
Irrwitziger Kabarettabend mit Ingo Börchers im Hammelburger Wasserhaus

Kabarettist Ingo Börchers im Wasserhaus. Foto Wahler(chw) Eine elektronische Bandansage stellt das Betriebssystem Börchers vor: Vorname Ingo, Hardware 55 Kilogramm, Laufzeit 90 Minuten. Berufsbezeichnung Kabarettist? Hm, so genau lässt sich das noch nicht sagen.

In einem irrwitzigen Tempo führt Börchers die Zuschauer im Hammelburger Wasserhaus durch die Trefferquoten der Suchmaschinen. „Jetzt sind Sie hier, aber vielleicht wollten Sie eigentlich bei Ikea den Beistelltisch Ingo kaufen." Er vermischt das „real life" des eigenen Gehirns mit dem „second life" des Internet, er erzählt von Avataren und von der high-risk-investition einer Eintrittskarte. Und in der Tat, riskante Denkmanöver bringen die gut abgespeicherte Gehirnsoftware durcheinander und werfen Fragen auf. Die Frage, bin ich noch up to date – upgedated? Ist diese Sprache für mich noch nachvollziehbar? Rauschen die Inhalte an mir vorbei und hat das noch etwas mit Freiheit und Demokratie zu tun? Man will gar nicht glauben, dass in so einem Hänfling wie Börchers ein solches Fass an scharfsinniger Lebensklugheit steckt. Geprägt sei er von Helmut Kohl, vom Yin und Yang des 9.11. der deutschen Wiedervereinigung und dem 11.9. der amerikanischen Twin Towers.

Börchers erzählt, wie im Übergang von der Produktions- zur Wissensgesellschaft das persönliche Leben auf der Strecke bleibt. Er erklärt, warum Cyberbrillen das Renovieren bald überflüssig machen und dass Coca Cola neben Google eine kleine Klitsche ist. „Gott würfelt nicht, er googelt." In dieser Verbindung kommen Glauben und Wissen zusammen.

Börchers wundert sich, warum die Kirche noch nicht auf die neuen Sprachbilder zurückgreift: Jesus upload heißt Christi Himmelfahrt, „am Himmel öffnete sich ein Popup-Fenster", und wenn man schließlich Gebete per mail verschicken kann, dann ist der Weg zur Computermesse richtig gewiesen. Der reale Körper kann derweil vor sich hin kümmern. „Mit dem Avatar schuf der Zeitgeist den Zweitgeist", so Börchers dazu und nutzt die Gelegenheit, sein alternatives Ich als Hypochonder auf der Bühne einzuführen. Sein Heilpraktiker findet nämlich: Die Welt ist ein Kügelchen. Wenn modernes Körperverständnis auf computerunterstützte Gebrauchsanweisung trifft, dann fängt der Chip in der Zahnbürste ebenso an zu sprechen wie die Klobrille: Wollen Sie diese Sitzung wirklich schon beenden? Intelligente Turnschuhe messen den Blutdruck und überwachen nebenbei die Wege – schon ist Börchers bei einem weiteren wesentlichen Themenblock: der Gefahr der totalen Überwachung. „Wir haben uns alle so vollverglast, dass wir uns einen schwarzen Vogel auf die Stirn kleben müssen."

Seine Gedanken springen wie muntere Äffchen durch eingewachsene Denkmuster, er jagt sein Publikum über die Datenautobahn in die Klimakatastrophe und in den Energieverbrauch der Computer und des Internet: Was das Pupsen der Kühe damit zu tun hat, erklärt er mit einem kleine Exkurs über die Physik, um beim Wasser zu landen. Kabarettistischen Stoff für mehrere Stunden komprimiert er auf 90 Minuten, so dass das Publikum zu Hause alles wieder entpacken kann.

Köstlich ist auch sein Schlenker in die Niederungen des bundesdeutschen Schulwesens hinsichtlich der Ausstattung mit Computern, der in der Aufforderung mündet, doch die Altersheime mit dem World Wide Web auszustatten. „Silbersurfer bei Schriftgröße 48 können dann über den Klimawandel der Testosteronfront recherchieren." Oder so ähnlich.

Charlotte Wahler



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